Sebastian Lobinger

Die Berge sind meine Heimat

Imma diese Deitschn!

Fast jeder von unserer Spezies, sei es Wanderer, Hochtourengeher, Klettersteigprofi oder extremer Eiskletterer hat es schon einmal auf einer Berghütte, am Stammtisch oder beim flüchtigen Gespräch beim Sporteln gehört. „De Wanderurlauber wiedermal!“, „Scho wieda zwa Deitsche ogstiazt“ „eh kloa, de deitschn“ „haum nix ind Berg valoan“ Was die Unfallstatistik für den Sommer 2019 über „de Deitschn“ aussagt und wieso diese Zahlen immer weiter steigen… Reden wir drüber. 

Die Unfallstatistiken für den Sommer 2019 sind nun veröffentlicht worden und bei genauem Hinschauen ergeben sich mehrere erwähnenswerte Fakten: Zum Beispiel, dass wir es in Österreich immer noch nicht geschafft haben, einen besseren Umgang mit den eigenen Fähigkeiten und der Selbsteinschätzung durchzusetzen (sei es bei den Urlaubern, als auch bei uns selbst). Denn Österreich kann sich nach wie vor nicht damit rühmen, den Alpinunfällen Herr geworden zu sein. Im Gegenteil, die Zahlen sind weiter weg vom 10-Jahres Mittel als es der Himmel von der Erde ist. Steigende Unfälle sind zwar in den letzten Jahren zur „Gewohnheit“ geworden, man sollte diesen Zustand aber vielleicht nicht unbedingt akzeptieren. Denn gottgegeben sind diese Zahlen bei weitem nicht und selbstverständlich haben wir als große Gemeinschaft der BergsportlerInnen diese Zahlen mehr oder weniger selbst in der Hand. Doch vor allem das Bergwandern hat meine Aufmerksamkeit erregt, denn mit 50% aller Unfälle trägt das Wandern beachtlich zum Ergebnis bei. Und abgesehen davon, dass man es auch hier über das Mittel der letzten 10 Jahre geschafft hat, ist mir auch noch eine zweite Tatsache besonders aufgefallen: Es gab in dieser Saison 7% mehr tödlich verunglückte Bergwanderer aus Deutschland als aus Österreich. Und das in Österreich. Ob das letztlich wohl nur daran liegt, dass es 10 mal mehr Deutsche als Österreicher gibt? Mag sein. Denn tatsächlich sind rund 53% der Urlauber in Tirol Deutsche und im Gegensatz zu den Italienern, tun die Deutschen in Tirol das, was sie Zuhause kaum können: Im Hochgebirge bergsteigen und wandern. 

Die 46% tödlich verunglückten Deutschen machen mir trotzdem zu schaffen. Denn gemeinsam mit dem Klischee, dass die Deutschen in den Bergen schon eine Gefahr für sich darstellen, wirft es die Frage auf: Was ist das mit den Deutschen und den Bergen? 

Dass man im Urlaub unternimmt, was man Zuhause nicht machen kann, überrascht natürlich kaum, daher sind die Deutschen gerne im Bergland unterwegs. Übrigens nicht nur in Tirol. Auch in Italien, der Schweiz und in Frankreich trifft man immer wieder Menschen, die man versteht. Doch abseits der alteingesessenen Spannung zwischen Deutschland und dem Alpenland, haben viele Wandertouristen das Bild über die Nachbarn geprägt. Vor allem zeichnen sich jene durch mangelnde Ortskenntnisse, schlechte Orientierung, aber vor allem durch die mangelnde Erfahrung im alpinen Gelände aus. Wer die Berge nur von unten kennt, hat kaum eine Ahnung wie bei spontanem Einbruch von Schlechtwetter oder Schneefall zu handeln ist, weiß wenig über Verhalten in Notsituationen, kann schlecht mit stark abschüssigem oder rutschigem Gelände umgehen und traut sich auch gern einmal etwas zu viel zu. So sagt man. 

Jetzt ist es für mich persönlich immer gefährlich, alle in einen Topf zu schmeißen und ich würde es selbst auch niemals wagen, alle Deutschen als schlechte Wanderer zu bezeichnen. Das wäre schlichtweg falsch. Viele großartige Bergsteiger stammen aus Deutschland und letztlich ist die Herkunft irrelevant und wenn man sich jener als Kritikpunkt bedient, dann bedient man sich schlussendlich eines Vorurteils. Trotzdem hole ich bei meinen täglichen Touren im Tiroler Bergland des öfteren Wanderer aus misslichen Lagen. Meine letzten fünf primitiven Rettungs- und Hilfeversuche beinhalteten viermal Touristen aus Deutschland. Falls man glaubt, es handle sich hierbei nur um junge unerfahrene Hasen oder ältere Sightseeing Touristen, liegt man mehr oder weniger falsch. Denn im Prinzip ist hier alles dabei. Es waren einmal zwei Mitte 20er Backpacker aus Berlin, eine Familie mit Kind aus Hessen, zwei Studenten aus München und eine einsame Frau ebenfalls aus München. Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnt haben, dass die Nummer 5 aus Wien kam. Das heißt, dass eigentlich kein richtiges Muster zu erkennen ist, sie jedoch alle eines gemeinsam hatten: sie haben alle zusammen die Tour falsch eingeschätzt und haben sich mit den Gegebenheiten vor Ort überfordert gefühlt. Sollte man sie dafür verurteilen? Nein. 

Denn wer sich auf das Hinhacken auf die Deutschen Wanderer spezialisiert hat, ist nicht nur etwas schlicht gestrickt, sondern übersieht auch, dass auch wir Österreicher einen Beitrag dazu leisten könnten, die Berge sicherer zu machen. Denn die Deutschen Flachländer sind uns Österreichern definitiv nicht intellektuell unterlegen und sie sind auch nicht mit weniger Geschick auf die Welt gekommen als wir. Sie sind letztlich nur eins: Sie sind meist deutlich unerfahrener als die Bewohner der Bergregionen. Dazu zähle ich übrigens auch die Flachländer aus Österreich. Wenn man Deutsche sieht, sollte man sie vielleicht weder belächeln, noch ignorieren. Aber wenn man in einem kurzen Gespräch erkennt, dass sie wohl neu in den Bergen sind, dann ist es nicht zu viel verlangt, den ein oder anderen netten Tipp zu hinterlassen. Denn selbst, wenn sie ihn an diesem Tag nicht brauchen konnten, sind sie dennoch ein Stück schlauer geworden. Und wenn die Deutschen 46% der Unfallstatistik beim Bergwandern ausmachen, dann habt ihr zumindest bei fast der Hälfte aller Gesprächspartner vielleicht einen sinnvollen Hinweis hinterlassen. Vor allem appelliere ich an ortskundige und einheimische Bergsteiger: Wer die Stolpersteine und falschen, schlecht markierten Abzweigungen kennt, sollte sie den hilflosen nicht verheimlichen. Ich habe noch nie ein “interessiert mich nicht” erhalten, als ich Hinweise zu schlecht markierten Wege angeboten hab. 

Fassen wir zusammen: “De gaunzn Deitschn” stellen in den Bergen mittlerweile tatsächlich eine Großzahl der Bergsteiger (abseits der Österreicher) dar. Doch sollte man festhalten, dass ein Deutscher nicht automatisch ein Fall für die Bergrettung ist, aber man mit Hilfe der Statistik schon auch feststellen kann, dass Deutsche, oder Flachländer im Allgemeinen eine gewisse Neigung zu Unfällen aller Art haben. Und man sollte sie dafür nicht aus den Bergen verscheuchen, sondern dazu einladen, etwas gegen diesen Trend zu unternehmen. 

Auf ein entspanntes und gemütliches Wandererlebnis im nächsten Sommer! 

Übrigens: Nicht nur die Alpinunfallstatistik ist einen Blick wert, auch einzelne Hotspots wie die berühmte Drachenwand haben es in die Nachrichten geschafft. Hier geht’s zum Artikel dazu!

Quellen: http://www.weekend.at/lifestyle/fitness/wandertourismus-im-aufwind-geldmaschine-almrausch/16.680.613#4361599,4362329

https://www.bergsteigen.com/news/neuigkeiten/alpinunfallstatistik-oesterreich-sommer-2019/

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