Sebastian Lobinger

Die Berge sind meine Heimat

Absturz in der Kletterhalle

Wenige Tage sind vergangen, muss ich mich doch auch schriftlich und ausführlich dem Thema widmen. Vor ein paar Tagen kam es während meines Training in der Kletterhalle zu einem hohen Absturz. Acht Meter ist der junge Mann geklettert, fiel ins Seil und stürzte. Beachtlich weit. Nämlich bis zum Boden. Nach 8 Metern sollte sAbsturz in der Kletterhalle - Darstellungsfehlerowas nicht vorkommen, schließlich waren schon einige Expressen eingehängt und da bräuchte es schon einiges an Schlappseil um unten am Boden anzukommen. Was mit dem Jungen passiert ist, dazu kommen wir später. In welcher Kletterhalle, wann und wem das passiert ist bleibt absolut anonym und wird auch in keiner Form angedeutet. Es gibt keinen Grund über Privatpersonen herzuziehen oder ähnliches. Denn die Problematik, um die es eigentlich geht betrifft erschreckend viele Kletterer. Es geht also nicht um diesen Einzelfall. Er dient mehr als ein Paradebeispiel. Wir sollten erstmal über den Hergang sprechen.

Das Material

Es wurde nach meiner Ansicht ein stinknormales dynamisches Kletterseil verwendet, die Knoten waren ordentlich gemacht und alle Expressschlingen entsprechend korrekt eingehängt. Beim Sturz saß der Gurt bombenfest am Kletterer. Es gab also seitens der gesamten Sicherungskette keine Materialfehler.

Das Sicherungsgerät

Gesichert wurde in dieser Route mit dem Grigri. Ob es sich um einen Grigri, Grigri 2 oder Grigri + handelte konnte ich unter den Umständen nicht feststellen. Grigris, egal welches Modell, sind prinzipiell solide und sichere Sicherungsgeräte. Der Grigri gehört zu den Halbautomaten, die Anwendung gestaltet sich auch entsprechend einfach. Materialfehler und technische Mängel sind beim Grigri selten und wenn fallen diese deutlich auf (Hebelbruch, Bremse defekt etc.). Somit kann man bei einem aufmerksamen Kletterteam davon ausgehen, dass es auch beim Sicherungsgerät zu keinem technischen Gebrechen kam.

Menschliches Versagen

Die bisherigen Möglichkeiten kommen also alle nicht wirklich hin, also kommt es wohl auf die häufigste Ursache für Verletzungen im Klettersport hinaus. Den Menschen. Wenn wir klettern gehen, dann vermutlich mit jemandem den wir kennen, dem wir vertrauen und den wir schon lange als Partner in anderen Sportarten einsetzen. All das macht ein gutes Team aus. Das Klettern ist prinzipiell wie so oft beschrieben ein sehr sicherer Sport. Die Verletzungshäufigkeit hält sich im Vergleich zu anderen Sportarten nicht nur insgesamt, sondern auch im Verhältnis stark in Grenzen. Jedoch ist die Kehrseite, dass Verletzungen im Klettersport, vor allem im Seilklettern oftmals deutlich verheerender Enden als bloß ein Tennisarm oder ein gezerrter Unterschenkel. Tatsächlich sind viele Stürze im Seilklettern mit schweren Verletzungen bis hin zu Folgeschäden verbunden. Aber selbst die wenigen Unfälle, die im Klettersport vorkommen, sind zumeist absolut vermeidbar. So auch in dem Vorfall zuletzt in meiner Stammhalle. Die meisten Kletterer besuchen vor ihrer großen Karriere in der Wand einen Kurs in einem Sportkletterzentrum oder irgendwo im alpinen Gelände. Bestens geschulte Trainer und Fachkräfte schulen einen hier in unzähligen Einheiten für überschaubares Geld in die Kletter- und Sicherungskunst ein und nehmen sich viel Zeit um jeden Fehler oder alle Probleme der Nachwuchskletterer anzusprechen und auszulöten. So einen Kurs habe auch ich gemacht und vermutlich auch die beiden gescheiterten Helden in der Kletterhalle.

Wenn es so viele gute Kurse gibt, die einem das sichere Klettern und Sichern beibringen, warum gibt es dann immer noch Verletzte im Klettersport? Die Wahrheit klingt hart und grausam, sie bleibt jedoch die Realität: Undisziplinierte Kletterer und Sportler. Im Gebrauch von Sicherungsgeräten gibt es klare Regeln. Diese Regeln werden einem vom Hersteller UND in den Kletterkursen nähergebracht. Die meisten Kurse lassen keinen Kletterer mit einem Sicherungsgerät klettern, dass er nicht kennt und nicht beherrscht. Doch sobald man von den Trainern in die Freiheit entlassen wird und die ersten Monate und Jahre in der Kletterhalle oder am Fels vergangen sind, gibt es keinen Aufpasser mehr und jeder handelt eigenverantwortlich.

Unnötiges Risiko

Ich habe in mehreren Jahren aktiv in der Kletterhalle erst ein einziges Mal in meinem Leben eine korrekte Sicherungstechnik gesehen. Die Kletterer darauf aufmerksam machen, dass das was sie hier tun lebensgefährlich ist, hab ich schon lange aufgegeben. Schließlich sind die Reaktionen immer die gleichen. Man wird beleidigt, man wird ausgelacht, man wird nicht ernstgenommen. Grade der Grigri ist ein tückisches Gerät. Er ist zwar einerseits eines der sichersten und leichtesten Geräte um zu sichern, jedoch werden Schlampigkeiten hart bestraft. Doch die Frage, die mich verzweifeln lässt: Wenn alle die richtige Anwendung von Geräten gelernt haben, wieso wenden sie dann die Meisten nicht an? Ich bin dieser Frage auf den Grund gegangen und musste feststellen, dass es bei den meisten tatsächlich an der Bequemlichkeit liegt. Es ist die Bequemlichkeit, die einen Menschen in den Tod stürzen lässt. Es ist auch die Bequemlichkeit die Risiken verursacht, wo eigentlich keine sein müssten.

Hergang in der Kletterhalle

Wenn mit dem Grigri Seil ausgegeben wird, gibt es eine klare Regel. Eine Hand liegt am Bremsseil, eine Hand am Seil des Kletterers. Beim Fortschreiten des Kletterers schiebt die Hand am Bremsseil das Seil durch das Sicherungsgerät. Die andere Hand zieht das Seil heraus. Danach wird wieder nachgegriffen und der Vorgang bis nach oben wiederholt. Es ist einfach, diese Regel zu beachten. Im Sturzfall kann bei geringem Schlappseil und abgesehen von möglichen Materialfehlern unmöglich ein Bodensturz passieren. Dennoch passiert es so oft. Denn die meisten Benutzer des Grigris machen aus der Faulheit des korrekten Sicherns einen Fehler, der wenn man ihn sich ohne selbst Kletterer zu sein, vor Augen führt absolut irre klingt. Viele Grigri User drücken auf den Bremsmechanismus des Sicherungsgerät um die Bremse zu deaktivieren und ziehen mit der anderen Hand das Seil aus dem Sicherungsgerät. Was passiert ist, dass innerhalb der Sicherungskette eine Lücke entsteht. Stürzt der Kletterer in dieser Phase, gibt es keinen Bremsmechanismus und auch keine Hand am Bremsseil. Das heißt, der Kletterer stürzt ungebremst bis zum Boden.

Jetzt könnte man sagen, dass diese dramatische Unachtsamkeit vereinzelt zu akzeptieren wäre. Manche nehmen dieses Thema eben nicht ernst. Die Realität ist jedoch, dass hier nicht mehr von „manchen“ zu sprechen sein kann. Wir reden von locker über 80%.

Ich persönlich stelle mir zwei Fragen, wenn ich über den Hergang dieses Sturzes nachdenke, bzw. über die Bodenstürze in der Kletterhalle allgemein.

  1. Warum klettern Kletterer mit diesen Partnern, wenn sie offensichtlich wissen, dass die Sicherung mangelhaft und gefährlich ist? Liegt es nur daran, weil sie es selbst auch so machen?
  2. Was hat sich der Sichernde dabei gedacht, als er realisierte, dass sein Vorgehen, welches bewusst immer fahrlässig war und als absolut sicher abgetan wurde plötzlich wegen ihm ein Menschenleben in Gefahr gebracht hat?

Der Sichernde hat nach dem Sturz einen sehr geschockten Eindruck gemacht. Verständlich, schließlich fiel sein Partner grade 8, 9 Meter zu Boden. Aber eines steht leider fest. Er wird den Fehler nicht an der Art seiner Sicherung festmachen. Denn selbst, wenn er die nächsten Monate korrekt sichert, es wird wieder kommen, denn die Disziplin beim Klettern ist im Verhältnis zur potenziellen Gefahr im Vergleich zu anderen Sportarten lächerlich gering.

Ein Appell nicht nur an diese Kletterhalle, sondern an alle: Verbietet NICHT die Grigris, wie es in manchen Kletterhallen praktiziert wird. Denn der Grigri ist für den Tod und die Verletzungen der Kletterer nicht verantwortlich. Verbannt die Menschen aus den Hallen, die möglicherweise für den nächsten Rettungseinsatz in der Halle verantwortlich sein könnten. Natürlich ist das schlecht fürs Geschäft, da einen Grigri verbannen kein Geld kostet, die Kunden verbannen jedoch schon. Aber die schleißige Sicherungstechnik bei ALLEN Sicherungsgeräten wird immer mehr und immer schlimmer. Und wie gut kann ein schlechtes Image fürs Geschäft sein, wenn klar ist wie viele unqualifizierte Personen in einer Halle verantwortungslos beim falschen Sichern zusehen?

Der Kletterer hat überlebt, schwer verletzt. Er hatte Glück. Viel Glück. Hoffentlich der nächste auch, denn der kommt bestimmt.

Ein weiterer Artikel zum Thema Klettern ist vor Kurzem erschienen! Ihr findet ihn hier!

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